“Wir können Menschen Anregungen machen, denn wir wissen, was ihnen wichtig ist”, sagte Eric Schmidt. Was viele gerne als Science Fiction ein paar größenwahnsinniger aber erfolgreicher kalifornischer Nerds abgetan hätten, wurde ein paar Tage früher bereits technisch auf der Google I/O präsentiert aber öffentlich kaum wahrgenommen. Die extra dafür eingerichtet Website beschreibt es in einem sehr klaren Satz die Möglichkeiten der so genannten Prediction API, also einer Vorhersage Programmierschnittstelle, die folgendes tun soll:
“The Prediction API enables access to Google’s machine learning algorithms to analyze your historic data and predict likely future outcomes”
Was in diesem Satz immer noch nach Größenwahn anhört, ist bei näherem Hinsehen eine wirklich bemerkenswerte, technische Entwicklung, welche erstmals durch Google einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Dabei ist Maschinelles Lernen für die Informatik ein alter Hut. Schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde versucht mit der Nachahmung biologischer Systeme etwas mehr “Intelligenz” in die dumme Binärlogik von Nullen und Einsen zu bringen. Doch stellte sich bald raus, das die als Perzeptrons bezeichneten Programme alles andere als einfach zu Handhaben waren. Die aus ihnen hervorgegangenen, neuronalen Netze finden heutzutage zumindest in Spezialbereichen ihre Anwendungsfelder. In den 1970er Jahren stellte Herr Winston fest, dass es bei der Betrachtung Machinellen Lernens zum so genannten “knowledge-acquisition bottleneck”, also einem Engpass bei er Wissensbeschaffung kommt. Spätestens hier sollte der geneigte Leser kurz innehalten und überlegen, ob dieser Engpass auf den zahllosen Servern von Google auch noch gegeben ist. Tagtäglich geben wir Suchworte ein und klicken auf Werbung von Google und bewegen uns auf Webseiten, welche mit Hilfe von Google Analytics vermessen werden. Von einem Wissensbeschaffungs-Engpass kann demnach keine Rede mehr sein. Geschichtlich ging es dann weiter in die 1980er Jahre mit ihren ersten wirklich leistungsfähigen Algorithmen zur Entscheidungsfindung. Die ersten Organizer mit Handschriftenerkennung setzen diese Technik bereits ein, welche als “supervised learning”, also dem Überwachten Lernen, bezeichnet wird. Dabei wird dem Algorithmus eine Menge von Eingaben gegeben, welche der “Überwacher” manuell klassifiziert. Basierend auf dieser Klassifikation wird ein Modell erstellt, welches die Klassifikation ähnlicher Eingaben automatisch vollziehen kann. Heutzutage finden wir Ausprägungen dieser Technik in Form von Buch-, Musik-, Film- oder anderer Produktemfehlungen und der Klassifikation von EMail-SPAM. Die Algorithmen sind bekannt und wissenschaftlich gut erforscht. Die konkreten Implementierungen werden von Firmen wie Apple oder Amazon jedoch gehütet wie Augäpfel. Google wird diese Technolgie nun einer breiteren Anwendergruppe öffnen und ich bin wirklich schon sehr gespannt, was daraus für neue und aufregende Anwendungen entspringen. Ähnlich wie die Google Maps heute schon von keinem Mobiltelefon mehr wegzudenken sind und in vielerlei Webanwendungen zum Einsatz kommen, wird auch dieser Technologie ein Siegeszug durch Remixing und Mashuping begehen.
Letzte Woche fand ein Update von Apples Schreibprogramm Pages aus dem iWorks 09 Paket, den Weg auf meinen Rechner. Neben einigen Stabilitätsfixes kommt das Update mit einem Dateiexporter für ePub-Dateien daher. Dieses, als offener Standard geschaffene Dateiformat, wird von einer Reihe von Firmen für die Verbreitung elektronischer Publikationen wie zum Beispiel eBooks verwendet. Der große Vorteil von ePub im Gegensatz zu Adobes PDF ist die Text-basierte Speicherung, welche jedoch auch die Verwendung von DRM ermöglicht. Um den Einstieg bei der Erstellung von ePub-Dokumenten so einfach wie möglich zu gestalten, bietet Apple eine Anleitung und ein Beispieldokument an, mit dem sich recht zügig erste Dokumente erzeugen lassen. ePub-Dokumente lassen sich über iTunes sowohl auf das iPad als auch auf das iPhone mit iOS4 innerhalb der iBooks-Anwendung laden und anzeigen. Über Anwendungen wie Calibre können diese Dokumente aber auch auf andere, elektronische Lesegeräte transferiert werden. Damit lassen sich nun in Pages auch ganz einfach eigene Dokumente für Amazones Kindle erstellen. Es scheint, als ob Apple mit diesem kleinen Update ein Signal an Amazon und deren digitaler Textplattform senden wollte. In Zukunft könnte auch Apple, unabhängige Publisher mit Eigenproduktionen von eMagazines oder eBooks auf den eigenen iBook-Store lassen. Crowedsouring in diesem Bereich könnte ähnlich erforlgreich werden, wie der App-Store. Schliesslich können mehr Menschen schreiben als ObjectiveC. Es bleibt spannend was sich an der eBooks-Front tut. Zur Frankfurter Buchmesse im Oktober werden da sicherlich einige Raketen gezündet werden.
Schon im Studium war ich Abonnent der ZEIT. Auch wenn einige Studienkollegen meinten “für die ZEIT bräuchte man Zeit”. Darauf hab ich dann immer entgegnet: “Für die ZEIT braucht man zu erst einmal einen ordentlichen Küchentisch”. So schön diese großformatige Wochenzeitung auch ist: Jede Woche war man auf’s Neue herausgefordert die Seiten richtig zu falten um die Artikel in Ruhe lesen zu können. Gerade beim freitäglichen Frühstück ein nerviger Kampf zwischen Marmelade, Honig und der noch frischen Druckerschwärze. Das sich die ZEIT kaum zum lesen in Bus und Bahn eignete war für mich immer ein Wermutstropfen. Dann kam die ZEIT als Audio-Abo mit wöchentlich 14 bis 16 vorgelesenen Artikeln der ZEIT im ungeschütztem MP3-Format. Zum Preis von 30 EUR im halben Jahr bekam man dann auch noch die ZEIT im PDF-Format. Doch auch letzteres war ebenso wie die Printausgabe etwas sperrig. Rund 100 MB und mehr pro Ausgabe machte die Archivierung und das Handling nicht gerade einfach. Das Abo habe ich dann vor der letzten Bundestagswahl gekündigt, da mir über die damaligen Positionen der Parteien zu wenig inhaltlich diskutiert wurde. Letzte Woche allerdings bekam ich mit 2 monatlicher Verzögerung mit, dass mit dem Autio/ePaper-Abo der ZEIT jetzt auch endlich der Text im DRM-freien ePub-Format abrufbar ist. Was für eine Freude! Endlich kann ich die ZEIT platzsparend lesen wo und wann ich will. Nicht nur auf dem iPhone mit Stanza oder Apples iBook sondern auch auf meinem Kindle kann ich nun die leichtgewichtigen ePub-Texte (1MB vs. 100MB PDF) nach voriger Konvertierung mit Calibre auf dem ermüdungsfreien und stromsparenden eInk-Display lesen. Und das beste ist: Der Preis ist bei 30 EUR pro Halbjahr geblieben und zwar werbefrei! Sprich: Man bekommt die kompletten Artikel der ZEIT ohne Werbung und Kleinanzeigen plus 14 vorgelesenen Artikel als MP3, frei von jeglichem Kopierschutz. Das sind 5 EUR pro Monat statt der 15,20 EUR pro Monat, welche der reguläre Kauf der ZEIT am Kiosk kosten würde. Warum sollte man letzteres also noch tun? Um die Sache jetzt noch perfekt zu machen hier noch folgender Vorschlag an die ZEIT: Macht ein 1 Jahres- oder 2 Jahresabo draus und verschenk einen günstigen eReader dazu. Das spart Druck- und Papierkosten und auch den lästigen Gang zum Altpapiercontainer. Das nenne ich doch mal “paid content” Strategie richtig umgesetzt.